
Liegt der Grund für den moralischen Verfall bei den Dieben oder darin, dass Menschen ihnen nacheifern?
Einst wurden junge Frauen in der Türkei wegen des Tragens eines Kopftuchs nicht an Universitäten zugelassen. Der Kampf dieser Menschen für ihr Recht auf Bildung war nicht bloß eine Frage der Kleidung; es ging um universelle Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit und Menschenwürde (https://www.hrw.org/legacy/backgrounder/eca/turkey/2004/index.htm).
Jahre sind vergangen. Frauen mit Kopftuch haben Zugang zu Universitäten, zum Parlament und zu Ministerien gefunden. Ihre Zahl, Ihre Sichtbarkeit und Ihr Einfluss sind gewachsen. Doch es gibt ernstzunehmende Anzeichen dafür, dass bei den exponierten Vertretern dieser Gruppe das Schamgefühl geschwunden ist und Diebstahl, Korruption sowie die Verletzung fremder Rechte zur Normalität geworden sind. Unweigerlich stellt sich die Frage: Was ist aus den einst verteidigten Werten geworden?
Der in den letzten Wochen in der Türkei aufgekommene Fonds-Skandal hat diese Frage erneut in den Fokus gerückt. Dass aus einer Bewegung, die einst für Gerechtigkeit eintrat, heute Personen hervorgehen, die mit Korruptionsvorwürfen in Verbindung gebracht werden, ist ein Widerspruch, der zum Nachdenken anregt. Dies zeigt: Eine Zunahme der Zahl bedeutet nicht zwangsläufig eine moralische Weiterentwicklung (https://www.euronews.com/2026/09/28/turkey-lifts-asset-freezes-in-fund-probe-as-ruling-party-deputy-chair-quits-amid-share-tra).
Auch Sozialwissenschaftler beschäftigen sich mit diesem Thema. Die Kulturkarte, die Ronald Inglehart und Christian Welzel auf der Grundlage der Daten der „World Values Survey“ (https://www.worldvaluessurvey.org/) entwickelt haben, vergleicht Länder anhand zweier grundlegender Dimensionen: traditionelle Werte versus säkular-rationale Werte sowie Überlebenswerte versus Selbstentfaltungswerte.
Ein Blick auf die Karte offenbart ein interessantes Bild. Historisch protestantisch geprägte europäische Länder wie Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland bilden ein eigenes Cluster, in dem individueller Freiheit und Selbstentfaltung ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. Die Türkei hingegen zählt zu jenen Ländern, in denen traditionelle Werte und das Streben nach wirtschaftlicher Sicherheit stärker ausgeprägt sind.
Untersuchungen belegen einen engen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und diesen Werten. Mit zunehmendem Wohlstand und wachsender wirtschaftlicher Sicherheit neigen Gesellschaften dazu, nicht mehr nur den Lebensunterhalt zu sichern, sondern auch Freiheit, Teilhabe und Lebensqualität stärker in den Fokus zu rücken. Dennoch verschwindet der Einfluss des historischen und kulturellen Erbes nicht vollständig, selbst wenn wirtschaftliche Unterschiede berücksichtigt werden.
Diese Karte gibt keinen Aufschluss darüber, wer ehrlicher oder moralischer ist. Sie erinnert jedoch daran, dass Entwicklung nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine kulturelle Dimension hat. Der Entwicklungsstand einer Gesellschaft lässt sich nicht allein am Pro-Kopf-Einkommen, an der Anzahl der Universitäten oder an der parlamentarischen Repräsentation messen. Entscheidender ist, welche Werte die Menschen vertreten und – was noch wichtiger ist – nach welchen Werten sie tatsächlich leben.
